Deutschland wird digitaler, aber nicht für jeden! Meine Sicht auf den neuen D21 Digital-Index 2019/2020


Die neue Studie zur Digitalisierung in Deutschland erschienen.

Seit Jahren lese ich mit großem Interesse die jährliche Studie zur Digitalisierung in Deutschland von der Initiative D21. Heute wurde der Digital-Index 2019/2020 veröffentlicht und auch dieses mal gab es bemerkenswerte Einsichten in die Kompetenzen, Chancen und Vorlieben der Deutschen für das Digitale.

Der Digitalscore in Deutschland. (c) Initiative D21^

Der Digital-Index verdichtet alle Indikatoren zu einer einzigen Zahl. Deutschland hat jetzt seinen Punktestand von 55 auf 58% verbessert. Die Digitalisierung ist damit gemäß der Studie in der breiten Bevölkerung etabliert. Das ist erfreulich, aber wo Licht ist, ist auch Schatten. In diesem Artikel picke ich einige Punkte aus der Studie heraus, die ich bemerkenswert finde.

Übrigens, die Studie kann ohne jeden Registrierungszwang hier heruntergeladen werden: https://initiatived21.de/app/uploads/2020/02/d21_index2019_2020.pdf

Auffälligkeit 1: Die digitalen Vorreiter sind jetzt die größte Gruppe

Erstmals bilden die digitalen Vorreiter mit 58% die größte Gruppe. Digitale Vorreiter sind Menschen, die einen besonders kompetenten aber auch reflektierten Umgang mit digitalen Medien zeigen. Daher sind die digitalen Vorreiter nicht zwingend immer Enthusiasten oder begeisterte Technik-Fans.

Digitale Außenseiter und Vorreiter. (c) Initiative D21

Am anderen Ende des Spektrums finden wir die digital Abseitsstehenden. Das sind Menschen, die sich entweder der Digitalisierung total verweigern oder diese nur sehr eingeschränkt nutzen.

Für mich offenbart die Studie eine bedrückende Erkenntnis: Weiterhin spielen Geschlecht, Bildungsgrad und Alter eine wichtige Rolle für die Teilhabe in einer zunehmend digitaleren Welt. Ältere Frauen mit geringerem Bildungsgrad haben es besonders schwer. Diese Auffälligkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Studie.

Auffälligkeit 2: Soziale Medien werden am liebsten in geschlossenen Gruppen genutzt

Das Leben in sozialen Medien findet nicht in aller Öffentlichkeit, sondern in geschlossenen Gruppen statt. Der Marktführer in Deutschland ist WhatsApp, mit 64% Nutzungsgrad. Ich hätte diesen Wert sogar deutlich höher eingeschätzt. Aber, immerhin 42% der Deutschen nutzen noch offene Plattformen, wie Facebook.

Dennoch, diese Zahlen können trügerisch sein und sollten nicht ausschließlich zur Relevanz der sozialen Medien herangezogen werden. So ist beispielsweise die Reichweite von Twitter deutlich größer als die in der Grafik dargestellten 9%. Das liegt zum Beispiel daran, dass alle Inhalte über die Suchmaschine Google vollständig sichtbar gemacht werden. LinkedIn scheint mit 4% keine Relevanz zu haben, aber im beruflichen Kontext sind Menschen, die sich in LinkedIn aktiv bewegen,von äußerst hoher Relevanz.

Auffälligkeit 3: Nur 36% der Deutschen sind der Meinung, dass die Schulen Digitalkompetenz vermitteln sollen

Zunächst, was ist Digitalkompetenz überhaupt? Aus meiner Sicht ist das ein Mix verschiedener Kompetenzen. Neben den eher fachlichen und technischen Kompetenzen, wie der Umfang mit Office oder das Programmieren, ist der wichtigste Punkt aus meiner Sicht die digitale Medienkompetenz.

Das sind meine Fragen für digitale Medienkompetenz:

  • Bin ich in der Lage Fake-News zu erkennen?
  • Kann ich digitale Quellen kritisch einschätzen?
  • Kann ich Informationen, die mir über digitale Plattformen wie Facebook oder Instagram angeboten werden, einordnen?

Ohne Medienkompetenz bin ich anfällig für Fake-News, verstehe nicht, dass Social-Bots Unfug sind und befinde mich in einer geschlossenen Informationsblase. Im schlimmsten Fall gelange ich zu unhaltbaren und demokratiegefährdenden Ansichten.

Vor diesem Hintergrund wundere ich mich sehr, dass die Vermittlung von Digitalkompetenzen in der Schule nur für sehr wenige Bürger von Bedeutung ist.

Ich schließe dieses Thema mit einem Zitat von Thomas Langkabel, Digitalexperte von Microsoft Deutschland:

Der Aufbau dieser wesentlichen Digitalkompetenzen darf weder dem Zufall überlassen bleiben, noch kann das Elternhaus als alleiniger Vermittler dienen – vielmehr gehört er früh in die Curricula schulischer Grundausbildung.

Auffälligkeit 4: Mobiles Arbeiten ist in Deutschland ein Fremdwort.

Die Abwesenheit mobiler Arbeit in Deutschland war für mich der erstaunlichste Punkt. In Deutschland ist die mobile Arbeit weiterhin ein Fremdwort. Unfassbare 84% der Befragten nutzen keine Möglichkeiten zur mobilen Arbeit. Sie nutzen Homeoffice, keine Fernarbeit und arbeiten auch nicht mobile. Dabei sind doch 45% der Befragten der Meinung, dass mobile Arbeit zur Steigerung ihrer Lebensqualität beitragen würde. Ist das nicht ein Widerspruch?

Mobile Arbeit in Deutschland

Von den nicht mobil arbeitenden 84% gaben 60% an, dass es in ihrem Beruf keine Chance zur mobilen Arbeit gibt. Natürlich gibt es viele Berufe in denen Arbeit nicht möglich ist. Aber es sind vergleichsweise wenige Berufe, wo mobile Arbeit vollständig und zu 100% ausgeschlossen ist.

Beispielsweise besteht die Pflege zu 40% aus Dokumentationspflichten. Diese könnten auch bequem zu Hause gemacht werden. Ich behaupte daher, dass gerade in der Büroarbeit der Anteil des mobilen Arbeitens deutlich höher sein kann.

In der Studie wird von Birgit Wintermann ausdrücklich darauf hingewiesen, dass mobiles Arbeiten sogar rechtlich viel einfacher umzusetzen ist, als ein fester Heimarbeitsplatz:

Mobiles Arbeiten ist für Unternehmen und MitarbeiterInnen rechtlich wesentlich leichter umsetzbar, als die Voraussetzungen für ein fest installiertes Homeoffice zu erfüllen – dies ist vielen Unternehmen nicht bewusst. Viele Menschen können diese Voraussetzungen bei sich zu Hause auch gar nicht schaffen. Dies führt wiederum zu einer (unbeabsichtigten) Ungleichbehandlung der MitarbeiterInnen. Eine gesetzliche Vereinfachung für die Rahmenbedingungen von mobilem Arbeiten und insbesondere Homeoffice wäre daher für alle Beteiligten wünschenswert.

Das Dumme ist leider, dass der Unterschied zwischen Home-Office und mobiler Arbeit in vielen Unternehmen gar nicht bekannt zu sein scheint.

Lasst uns das gemeinsam ändern!

Wie ist deine Meinung dazu? Möchtest du auch in deinem Unternehmen mehr mobil und agil arbeiten? Spreche mich gerne an.

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