Titelbild: David Heinemeier Hansson 2016 als Rennfahrer bei Abu Dhabi Proton Racing. Im Rennwagen saß er selbst am Steuer. Beim Code überlässt er das inzwischen den Agenten.
Dieser Beitrag liegt abseits meines Kernthemas Strategiefreigabe. Er dreht sich um die Zukunft der Fachverfahren für die öffentliche Verwaltung.
Die Hersteller, die ich kenne, hinken der Entwicklung moderner Software in der Regel fünf bis zehn Jahre hinterher, teilweise sogar mehr als zwanzig. Umso spannender ist der Blick auf das, was auf uns zukommen kann.
Was DHH auf der Rails World gesagt hat
Ich beginne bei David Heinemeier Hansson, kurz DHH. Er ist ein sehr prominenter Entwickler und hat eines der bedeutendsten Frameworks für Webanwendungen geschaffen: Ruby on Rails. Ich glaube, es ist nicht falsch zu sagen, dass alle modernen Webanwendungen viel von Ruby on Rails gelernt haben, wenn sie nicht sogar darauf basieren.
DHH war bis vor einem Jahr sehr skeptisch gegenüber dem Nutzen von KI. Von KI geschriebenen Code hätte er nicht mit der Kneifzange angefasst, wie wir in Deutschland sagen würden.
Das hat sich geändert. Im September 2026 eröffnete er in Austin die Rails World, die wichtigste Konferenz rund um Rails, mit der Aussage, dass er keinen Code mehr schreibt. Auch kein Ruby, auch kein Rails. Bei seiner Firma 37signals entstehen neue Teile als Hochleistungsanwendungen in Rust, die nur einen Bruchteil der Serverleistung benötigen, die früher Ruby brauchte. Die mobilen Apps werden nativ gebaut, also optimiert fürs Handy, und glänzen mit kurzen Reaktionszeiten. Und jede Anwendung soll ein CLI bekommen, eine Kommandozeile, die für KI eine ideale Grundlage zur Kommunikation ist.
Übersetzt in einfache Sprache heißt das: In nur einem Jahr wurde die gesamte Architektur verändert. Sie ist vollständig auf KI ausgerichtet und benötigt nur noch einen Bruchteil der Ressourcen auf dem Telefon und auf dem Server. Das ist schon dramatisch.
Die Zukunft der Software ist maximal agentenorientiert und extrem effizient.
Was heißt das für Fachverfahren?
Fachverfahren sind klassische Dialoganwendungen. Überspitzt gesagt besteht die große Leistung der Fachverfahrenshersteller darin, hochkomplexe Eingabeformulare zu schaffen, die Verwaltungsangestellte ausfüllen und die zu irgendwelchen Ergebnissen führen. 80 Prozent des Entwicklungsaufwands liegen in der Oberflächenprogrammierung und der Hintergrundverarbeitung.
Im Zeitalter der KI wird das ganz anders aussehen. Die Oberfläche muss und wird eine sein, die KI-Agenten optimal bedienen können. Die Bedeutung der Benutzeroberfläche verlagert sich von der Erfassung hin zur Präsentation fachlicher Daten und zur Entscheidungshilfe im Umgang damit. Die Hintergrundverarbeitung wird hocheffizient sein müssen, um Ressourcen, Energie und Rechenkapazität zu sparen.
Gleichzeitig werden alle Endgeräte bedient, weil sie genutzt werden können. Ich kann fachliche Arbeit auf dem Handy, auf dem Tablet und sogar über den Kopfhörer erledigen.
Der Mensch bleibt in der Kette
Nur seine Rolle ändert sich: Er sichtet Ergebnisse und autorisiert die weitere Bearbeitung.
Fachverfahren müssen deshalb agentenorientiert werden:
- Schnittstellen zu Agenten in allen Bezügen
- hocheffizient auf dem Server, um Energie zu sparen
- perfekt nativ auf dem Endgerät
Ich bin skeptisch, ob die bestehenden Hersteller das leisten können
Wenn ich auf die klassischen Fachverfahrenshersteller schaue, bezweifle ich es. Sie sind völlig damit beschäftigt, ihren über Jahrzehnte gewachsenen Altbestand zu pflegen. Neuentwicklungen werden sich noch am alten Paradigma der Webanwendung orientieren. Man wird weiter versuchen, jede Schnittstelle hochpreisig zu verkaufen, und jede Anbindung von KI meiden wie der Teufel das Weihwasser.
Für junge Leute und Start-ups ist das eine großartige Chance. Sie können neue Anwendungen gestalten, die vollständig agentenorientiert, effizient und nativ sind und in unsere Zeit passen.
Ich freue mich auf das, was kommt: eine völlig neue Fachverfahrenslandschaft. Effizient, KI-orientiert. Und der Mensch ist nicht mehr der Datenerfasser, sondern die fachliche Entscheidungsinstanz.
Wie sehen Sie das: Kommt das erste agentenfähige Fachverfahren von einem etablierten Hersteller oder von einem Start-up?
Quelle: DHH, Opening Keynote Rails World 2026 (YouTube)
Foto: David Merrett, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons, Ausschnitt auf unscharfem Hintergrund
