OKR Podcast #32: First Principle Thinking und OKR

Gerade in der Beratung wird gerne mit Analogien gearbeitet. So wird OKR gerne als agiles Management by Objective gesehen. Leider ist das Denken in Analogien nicht nur fragil, es verhindert auch echte Innovation und Veränderung. Ein anderes Konzept ist das “First Principle Thinking!”

Was das First Principle Thinking mit Aristoteles und OKR zu tun hat, das erfährst du jetzt.

In jeder systematischen Untersuchung (methodos), in der es erste Prinzipien gibt, resultieren Wissen und Wissenschaft aus der Erlangung von Wissen über diese; denn wir denken, wir wissen etwas, wenn wir Wissen über die primären Ursachen, die primären ersten Prinzipien, bis zu den Elementen erlangen.

– Aristoteles

Gestatten, Aristoteles! Erfinder der modernen Wissenschaft

Aristoteles war Philosoph und Universalgelehrter, der im 4. Jahrhundert vor Christi eine Reihe von Disziplinen begründet oder geprägt hat. Also kurz, er hat die antiken wissenschaftlichen Disziplinen erfunden, geordnet und strukturiert: Wissenschaftstheorie, Naturphilosophie, Logik, Biologie, Physik, Ethik, Staatstheorie und Dichtungstheorie. Ich behaupte, ohne Aristoteles hätte es keine moderne Wissenschaft gegeben.

Aristoteles auszeichnete, war sein konsequentes Denken in elementaren Prinzipien, also First Principles. Aristoteles fragte sich stets:

  • Was sind die grundlegenden Ordnungselemente von Dingen

Er war zutiefst davon überzeugt, dass erst nur ein erstklassiges Verständnis der grundlegende Prinzipien es erlaubte, sich sinnvoll mit Details zu beschäftigen. Also kurz, ohne Wurzel, verlieren alle Details ihren Zusammenhalt. Sie fallen, wie die Blätter im Herbst und vermodern.

Wie funktioniert First Principle Thinking?

Das First Principle Thinking ist eigentlich das, was kleine Kinder machen, bevor wir es ihnen wieder abtrainieren und in Konventionen zwingen. In ihren jungen Jahren hinterfragen Kinder alles, was sie entdecken. Sie versuchen auf ganz natürliche Wiese die grundlegenden Wirkprinzipien zu verstehen. Ich beobachte das gerade selbst an meinen kleinen Sohn und es ist unfassbar faszinierend.

Der generelle Ablauf beim First Principle Thinking ist:

  1. Kritisches Hinterfragen: Im ersten Schritt ist es erforderlich, deine Überzeugungen, Annahmen und Grundeinstellungen zu hinterfragen, um neue Gedankenwege zu erschließen und umzudenken.
  2. Herunterbrechen der Probleme: Im zweiten Schritt analysierst du die Kernprobleme und brichst diese auf die fundamentalen Bestandteile herunter. Hierbei gilt es, konventionelle Denkweisen außer Acht zu lassen, um kreatives Denken zu ermöglichen.
  3. Neuartige Zusammensetzung: Im dritten Schritt führst du die fundamentalen Bausteine neu und eventuell unkonventionell zusammen. Daraus entstehen dann neue Lösungen.

Ein Beispiel für das First Principle Thinking

Ein schönes Beispiel für das First Principle Thinking ist die Erfindung des Flugzeuges. Jahrhundertelang versuchten die Menschen die Vögel nachzuahmen. Das nennt man Innovation durch Analogie. Es wurde geflattert, was das Zeug hält, aber nichts funktionierte auch nur ansatzweise.

Erst nach einiger Zeit kamen die Erfinder auf die Idee, dass das grundlegende Wirkprinzip des Fliegens nicht das Flattern, sondern die Form der Flügel ist. Das war der Durchbruch, der die Konstruktion von Flugzeugen ermöglichte.

First Principle für Erfolg: Pace of Innovation

Ein weiterer prominenter Denker in First Principles ist der aktuell in Ungnade gefallene Elon Musk1. Eines der First Principle, von denen Elon Musk zutiefst überzeugt ist, ist die Pace of Innovation. Die Pace of Innovation ist, so Musk, letztlich allen klassischen Ansätzen überlegen, also Effektivität, Effizienz, Agilität und sogar dem klassischen Kai-Zen.

Daher ist in den Firmen von Musk für alle angestellten Mitarbeiter der Wille und die Kompetenz zur sofortigen unmittelbaren Problemlösung entscheidet. Jeder Mitarbeiter hat geradezu die Pflicht, exakt dort zu arbeiten, wo gerade die größte Herausforderung besteht und er selbst einen Beitrag erbringen kann. Wenn die Problemlösung die Erfindung einer neuen Karosseriepresse erforderlich macht, gut, dann wird es eben gemacht.

Ein First Principle of OKR

Was hat das jetzt alles mit OKR zu tun? Alles und nichts. Aus meiner Sicht heraus arbeiten viele Berater mit Analogien. Ich kenne OKR Coaches, die OKR als Scrum für HR bezeichnen. Oder, wenn die Berater OKR nicht mögen2, dann ist OKR eben altes MbO in neuen Schläuchen oder sogar Performance Management.

Bei OKR ist für mich das wesentliche First Principle die Entwicklung und Verifikation von Hypothesen zur Lösung von Problemen und zur Generierung von Nutzen.

Die Fähigkeit, erstklassige Hypothesen zur Weiterentwicklung des Businesses, der Organisation oder der Produkte zu entwickeln, ist ein Schwerpunkt meiner Arbeit mit OKR.

Alles andere, was OKR ausmacht, leitet sich aus dem Prinzip der Hypothesenbildung ab.

  • Die Fokussierung ist erforderlich, damit die wichtigsten und chancenreichsten Hypothesen überhaupt erst angepackt werden können. Ja, es geht hier auch um einen Wettbewerb und eine Evolution von Ideen.
  • Alignment ist eine zwingende Folge der Fokussierung, denn ohne Ausrichtung und Zusammenarbeit können keine größeren Vorhaben umgesetzt werden. Ohne Fokus, kein Alignment!
  • Selbstorganisation ist erforderlich, weil die Hypothese eine Hypothese ist. Ich benötige zur Umsetzung die Kraft der Ideen. Die Kraft zur Innovation. Und die kann nur entstehen, wenn die Verantwortung und Problemlösungskompetenz direkt vor Ort in den Teams ist.
  • Commitment ist eine Folge von psychologischer Sicherheit, Konfliktbereitschaft für Ideen und einem Rahmen, der eine Selbstorganisation erst möglich macht.

Und schließt sich der Kreis von OKR zu Elon Musk. Die Pace of Innovation entsteht aus der Pace der Hypothesen. Ob ich dafür immer gleich das ganze OKR-Framework erforderlich ist, das bleibt abzuwarten.

Was ist deine Sicht auf das Thema?

Was sind deine First Principles in deiner Arbeit? Welche Grundprinzipien sind für dich wichtig? Schreibe gerne hier in den Kommentaren oder wo du dich gerade aufhältst.

Lesetipps

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  1. Während ich diesen Artikel schreibe, ist Elon Musk in einer Phase großer Unbeliebtheit. Er hat gerade die Plattform Twitter übernommen und die Hälfte der Belegschaft entlassen. Ich finde das auch sehr schrecklich, aber unternehmerisch kann ich es nachvollziehen. Der Pace of Innovation bei Twitter ist in den letzten Jahren eigentlich exakt Null. Im Jahr 2022 wirkt und funktioniert Twitter im Wesentlichen so, wie 2014. Für eine Digitalplattform ist das eine Katastrophe. ↩︎

  2. Ray Dalio hat das sehr lesenswerte Buch Prinzipien geschrieben, in denen er die Wirkprinzipien für die Arbeit bei Bridgewater ausformuliert hat. Für Agile Coaches ist das Buch eine harte Kost, aber es enthält sehr viele wichtige Gedankengänge, die ich für wertvoll halte. ↩︎

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