Der Scrum Guide 2020 aus Sicht von Objectives & Key Results - Teil 2

“Football is coming home”, das war mein Gedanke beim Lesen des neuen Scrum Guide 20201 im Oktober 2020. Scrum ist endlich da, wo es dem eigenen Anspruch nach immer sein wollte: Scrum wird wieder zum Framework für empirische und schlanke Produktentwicklung. Jetzt, im zweiten Teil meiner Miniserie1 zum neuen Scrum Guide, schaue ich konkreter auf das Zusammenspiel mit dem Zielsystem Objectives & Key Results.

Die Rolle von OKRs im neuen Scrum-Guide 2020

Mit der Klärung des “Warum” durch das Produktziel und das Sprintziel, gibt es jetzt einen wunderbaren Anknüpfungspunkt zum Framework Objectives & Key Results (OKR).

OKR hat sich schon immer mit Trennung des “Warum”, “Was” und “Wie” beschäftigt. Das “Warum” wird in OKR über die Unternehmensstrategie und im OKR-Zyklus durch die Begründung der Objectives beschrieben. Der von mir sehr geschätzte OKR-Experte Felipe Castro nennt das den “So what” Test, den jedes OKR erst einmal bestehen muss.

Image by Someecards. Created by John2149306

Die messbaren Key-Results eines Objectives erlauben es, den Fortschritt zur Zielerreichung zu messen. Damit wird endlich der Fortschritt zum realisierten Kundennutzen messbar.

Denn die bekannten agilen Metriken, wie Velocity, Burn-Down oder Burn-Up Charts, trafen nie eine Aussage darüber, ob ein sinnvoller Nutzen beim Kunde realisiert wurde oder auch eben nicht. Viele agile Metriken waren leider nie etwas anderes, als eine Kontrolle der Aufgabenbearbeitung.

Bei der Bewertung eines Fortschritts bezüglich eines Produktziels oder auch nur eines Sprint-Ziels ist mehr Kreativität, als die Aufgabenkontrolle gefragt.

Die 4 Berührungspunkte zwischen OKR und Scrum 2020

Mein Beraterkollege Tomek Dabrowski hat 4 Punkte definiert, an denen eine Interaktion zwischen Scrum und OKR stattfindet. Diese gute Idee möchte ich hier aufgreifen. Schauen wir gemeinsam auf diese 4 Punkte, die ich jetzt für Scrum 2020 aktualisiert habe.

Integration von Scrum und OKR von Tomek Dabrowski

Wenn das Produktziel als Produkt-OKR definiert wird, dann gibt es nicht nur ein Ziel für die Richtung, die das Produkt nehmen soll, sondern auch einen messbaren Fortschritt auf den Weg dorthin. Dieser Fortschritt wird sichtbar über die Key-Results. Das Backlog richtet sich auf das Produkt-OKR aus.

Daraus entstehen 4 Punkte der Berührung zwischen Produkt-OKR und Scrum:

  1. Priorisierung: Stories, die das Produkt-OKR am besten unterstützen, stehen an der Spitze des Backlogs.
  2. Fokussierung: In der Sprint-Planung wird vom Scrum-Team ein Sprint-Ziel definiert, dass den größten Schritt in Richtung des Produkt-OKR bietet.
  3. Prüfen (Check): Prüfe, ob das Sprint-Ziel auf das Produktziel einzahlt und klar auf dieses Produktziel ausgerichtet ist. Auch das Sprint-Ziel kann gerne als OKR verfasst sein. Die Abarbeitung von Aufgaben wäre ein Fortschrittsindikator, aber vielleicht gibt es weitere Key-Results, die viel entscheidender sind.
  4. Review: Benutze das Sprint-Review, um den Fortschritt zur Zielerreichung des Produkt-OKR zu aktualisieren und das aktuelle Vertrauen in die Zielerreichung (Confidence Level) zu diskutieren. Bespreche die nächsten Aktivitäten und nutze diese Erkenntnisse für die Sprint-Planung.

Und was ist mit dem OKR-Zyklus? Wie passt der in den Scrum-Prozess?

Und was ist mit dem OKR-Zyklus? Muss jetzt das Produkt-OKR alle 3 Monate neu geschrieben werden? Oder regnen alle drei Monate neue Unternehmensziele in die Produktentwicklung rein und verwässern das Produktziel?

Ein Produkt hat einen Lebenszyklus und eine wichtige Frage ist, an welchem Punkt des Lebenszyklus das Produkt ist. Ist das Produkt in der Erstellungsphase, dann ist das Produktziel führend. Sobald das Business läuft, so kann das Produktziel durch ein reguläres OKR abgelöst werden.

Dazu ein Beispiel: Ist der Amazon-Webshop jemals fertig? Bei einem E-Commerce Produkt ist es sinnvoll, eine der Produktentwicklung übergeordnete OKR-Planung zu haben. Diese Planung ist nicht feature-getrieben, sondern durch den Mehrwert beim Kunden getrieben (outcome-based). In diesem Kontext ist es sinnvoll, dass beispielsweise alle 3 Monate ein OKR für die Produktentwicklung formuliert wird.

Dann gibt es Produkte, die schnelllebiger sind und “unterhalb” des Unternehmens-OKR entwickelt werden. In diesem Kontext und das wird wahrscheinlich der häufigere Fall sein, zahlen die Produkt-OKR auf die Unternehmensziele ein, sind aber vom OKR-Zyklus und der Kadenz weitgehend unabhängig.

"Der Nutzen von Objectives & Key Results liegt nicht in der Zykluslänge, sondern in der Outcome-Orientierung"

Klick hier für einen Tweet

Meiner Erfahrung liegt der eigentliche Nutzen des Frameworks OKR nicht in der Zykluslänge, sondern in der klaren und messbaren Fokussierung auf Kundennutzen, Wirkung und Outcome. Und daher hängt die Integration von OKR und Scrum vom Kontext ab. It depends!

Die Änderungen im Scrum-Guide machen aus der Kombination von OKR & Scrum ein perfektes Paar

Die Änderungen von Scrum 2017 zu Scrum 2020 sind tiefgreifender, als es die Autoren Ken Schwaber und Jeff Sutherland zugeben wollen. Das ist klar, denn beide Schwaber/Sutherland betreiben ein sehr lukratives Zertifizierungs-Business2. Die Grundlage dieser Ausbildungen und der Zertifizierung ist der Scrum-Guide. Beide möchten die eigene Klientel nicht vor dem Kopf stoßen, aber dennoch zieht jetzt eine andere und aus meiner Sicht unternehmerische Idee in Scrum ein. Die Fokussierung der Arbeit in Scrum auf Ziele, die Rationalisierung von Entscheidungen über das Warum und die klare Übergabe der Verantwortung des “Was” & “Wie” an das gesamte Scrum-Team, wird die Arbeit mit dem Framework verändern. Da bin ich mir sehr sicher.

Das Management hat ein wichtige Aufgabe:

Gleichzeitig bekommt das in Scrum bislang totgeschwiegene Management eine wichtige Herausforderung: Die Definition des “Warum” ist eine Managementaufgabe, denn der Product-Owner arbeitet ja nicht im luftleeren Raum. Management heißt hier, dass das Produktmanagement, das Portfoliomanagement und das ganze Unternehmen sich endgültig aus der kleinteiligen Organisation des “Was” und “Wie” befreien und sich stärker auf das “Warum” besinnen. Das nenne ich wirksame Führung!

Success is not determined by the outcome. The outcome is the result that you have already decided that you are successful to begin with - T.F. Hodge


  1. Den ersten Teil zu dieser Artikelserie findest du hier: https://andreclaassen.de/post/agile-methoden/der-neue-scrum-guide-2020-und-okr-teil-1/ ↩︎

  2. Schwaber/Sutherland sind meiner Kenntnis nach die einzigen Mitunterzeichner des agilen Manifests, die wirklich sehr gut an ihrem Business verdienen. ↩︎

comments powered by Disqus