OKR Podcast #16: Was ist eigentlich Effectuation? - Ein Gespräch mit Michael Faschingbauer

Effectuation1 ist die Kunst, in komplexen Umfeldern unter hoher Unsicherheit erfolgreich zu handeln. Eigentlich ist Kunst sogar der falsche Ausdruck, denn Effectuation basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Disziplin der Unternehmer-Forschung.

Ich bin unglaublich froh, für dieses Gespräch Michael Faschingbauer23 gewonnen zu haben. Michael beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Effectuation und hat dazu ein Standardwerk veröffentlich, welches im Mai in der vierten überarbeiteten Auflage im Schaeffer-Poeschl Verlag4 erscheint.

Mit Michael unterhalte ich mich über Effectuation und entdecke dabei die eine oder andere Gemeinsamkeit aber auch Abgrenzung zu Objectives & Key Results. Lass dich überraschen und ich wünsche dir viel Spaß beim Zuhören.

Unsere Themen in dieser Episode

  • Begrüßung von Michael Faschingbauer
  • Wie bist du zu dem Thema unternehmerisches Handeln gekommen?
  • Effectuation - Handeln in Situationen hoher Unsicherheit
  • Effectuation und Inviting Leadership
  • Der interne Markt von Organisationen
  • Die 4 Prinzipien von Effectuation
    1. Prinzip - Mittelorientierung am Beispiel der Firma Biontech
    1. Prinzip - Der leistbare Verlusts
    1. Prinzip - Benutze den Zufall als Hebel
    1. Prinzip - Hole früh die Partner ins Boot
  • Das neue Buch von Michael: Die 4te überarbeitete Auflage

Was ist eigentlich Effectuation?

Effectuation5 ist das Ergebnis der noch sehr jungen Disziplin der Unternehmer-Forschung und wurde von der Professorin Saras D. Sarasvathy6 aus Virginia begründet. Das überraschende Ergebnis der Forschungsarbeit von Frau Sarasvathy war, dass Unternehmer die klassische Ursache-Wirkungslogik der Betriebswirtschaft auf den Kopf stellen. Im Unternehmensalltag sind wir es lange gewohnt, zur Umsetzung von Projekten oder Ideen zunächst Ziele zu setzen, dann die erforderlichen Ressourcenbedarfe zu ermitteln und sinnvolle Maßnahmen zur Zielerreichung zu planen.

Wir versuchen über Ziele die Zukunft zu prognostizieren und entwickeln einen Plan. Doch dieser ist in den meisten Unternehmen gar nicht so einfach umsetzbar. Das Budget und Ressourcen fehlen. Das ist der Punkt, an dem ein Projektantrag oder eine Entscheidungsvorlage geschrieben wird. Und oft ist es der Punkt, an dem die Idee versandet.

Effectuation dreht den Spieß um. Beim erfolgreichen Unternehmer steht nicht die Zielplanung oder die Budgetanforderung, sondern die Orientierung an eigenen und bereits vorhandenen Ressourcen im Vordergrund.

Die typischen Fragen eines Unternehmers lauten lauten:

  • Wer bin ich?
  • Was kann ich?
  • Wen kenne ich?

Erst dann überlegt sich der Unternehmer auf Basis seiner Positionierung, wen er anspricht und welche kurzfristigen Ziele ersetzt.

Der Effectuation Process (c) effectuation.org

Auszüge aus meinem Gespräch mit Michael Faschingbauer

Andre: Michael, wer bist du und was machst du?

Michael: Mein Name ist Michael Faschingbauer. Ich bin Organisationsberater mit einer Passion. In der geht es um unternehmerisches Denken, Entscheiden und Handeln. Das ist ein Thema, das mich gut verknüpft mit meiner Vergangenheit, denn ich komme so aus einem technischen Umfeld. Ich war lange in der Automobilindustrie immer innovationsnah tätig und die bin jetzt seit ca. 2000/20021 in der Beratung in Organisationen zu unternehmerischen Denken, Entscheiden und Handeln.

Andre: Was waren die Herausforderungen, die dich zu deiner Passion führten?

Michael: Ich war Ingenieur im Produkt- und Programmmanagement. Dort gab es immer wieder Situationen, wo irgendjemand in der Organisation einen Handlungsanlass gesehen hat. Wir haben beispielsweise eine neue Technologie und finden die interessant, können diese Idee aber noch nicht richtig einordnen, ob ein Markt dafür da ist. In der Regel sind wir dann mit diesen Themen in die Planung gegangen, ob da ein Markt ist und man müsste doch etwas tun mit dieser Technologie. Aber viele Ideen sind dann in der Schublade verschwunden, weil man sie noch nicht greifen konnte.

Andre: Wie bist du dann zu dem Thema unternehmerisches Handeln gekommen?

Michael: Bei vielen Ideen ist es so. Mann kommt nicht vom Fleck oder muss Leute am Anfang große Potenziale oder ein ROI vorspielen und dann hinterher hoffen, dass sich niemand mehr erinnern kann, wer am Anfang was gesagt hat. Das war unbefriedigend damals. Es bleibt die grundlegende Frage: Wie komme ich ins Handeln, wenn ich noch nicht so gut planen kann?

Dann, so ungefähr im Jahr 2005, hat im Rahmen einer universitären Veranstaltung ein Professor zwei Stunden lang von einem Forschungsprojekt berichtet. Das war das Projekt mit Saras Sarasvathy(fn), einer amerikanischen Entrepreneurship-Forscherin. Das waren so die ersten Jahre mit Untersuchungen zu Effectuation, also unternehmerischem Handeln und der Kognition von sehr erfahrenen Unternehmern.

Und bei mir sind innerhalb von 2 Stunden an ganz vielen Stellen Glühbirnen aufgegangen, zu der Frage: Was kann ich tun in Situationen, wo ich noch nicht wirklich planen kann. Was kann ich tun, wenn ich trotzdem entschlossen ins Handeln kommen möchte, ohne Kopf und Kragen zu riskieren?

Und da waren ganz plötzlich Forschungsergebnisse da, zu Fragen, die ich schon ganz früher immer wieder gebraucht hätte.

Andre: Waren das Unternehmer, wie Elon Musk, Steve Jobs & Bill Gates, die es scheinbar geschafft haben, mit genialen Ideen, Entschlossenheit und Tatkraft große Unternehmen zu schaffen. Oder ist das ein Heldenmythos?

Michael: Ja, da kommen immer die gleichen Namen. Das ist eine wahnsinnig kurze Liste von Leuten, von denen wir eine Wahrnehmung in der öffentlichen Aufmerksamkeit haben. Da stoßen wir auf Personen, die nicht gerade repräsentativ sind für die Gruppe der Expert-Entrepreneurs. Diese haben über viele Jahre gelernt, gut mit Unsicherheit umzugehen und dennoch immer wieder etwas Neues in die Welt zu bringen.

Bei den bekannten Personen sieht man vor allem erst einmal auf die Persönlichkeit. Aber wenn man jetzt weniger auf dem, “wie sind die” drauf schaut, und mehr auf das “wie denken, entscheiden und handeln die”, dann ist das eine ganz andere Ebene.

Andre: Wie gehen erfolgreiche Unternehmer, also Expert-Entrepreneurs, mit hoher Unsicherheit um?

Michael: Also bei der Unsicherheit, ist es zunächst einmal egal, wie die reinkommt. Ob das jetzt im Gewand der Katastrophe ist oder der Aufbruch zu neuen Ufern mit einer neuen Technologie, in einen neuen Markt, oder was auch immer. Für Expert-Entrepreneurs ist das Home-Turf (Heimspiel). Und was Unternehmer mit der Zeit und lernen, ist zum Beispiel, dass sie sich auf Vorhersagen nicht verlassen können. Und sie lernen das so weit, dass sie mit der Zeit Vorgehensweisen entwickeln, die auf Vorhersagen sogar vollständige verzichten.

Andre: Und wie kann ich steuern, wenn ich kein gültiges Bild von der Zukunft habe?

Michael: Der Versuch, die Zukunft vorherzusagen, ist manchmal ein Luxus, den ich mir nicht leisten kann. Also wenn ich sagen würde, ich versuche meine Unsicherheit zu reduzieren, indem ich für eine Idee 1000 Leute frage, ob sie meine Idee gut finden. Und dann frage ich sie, falls es mir gelingt die Idee umzusetzen, ob sie die nach einem Jahr kaufen würden, dann ist das ein Versuch, die Zukunft vorherzusagen. Ich kann stattdessen hinausgehen und sagen, das habe ich schon, das habe ich vor, wärst du bereit mein erster Kunde zu sein oder was müsste sein, damit du bei meinem Vorhaben mitmachst? Was müsste ich tun, damit du irgendetwas mit reinbringst? Und wenn ich da ein Commitment kriege von jemand, der sagt, das ist aber spannend. Ich weiß zwar noch nicht genau, ob deine Idee gut ist, aber ich bin bereit, hier Zeit und Energie zu investieren, dann ist “Skin in the Game”. Dann habe ich ein Commitment, mit dem ich arbeiten kann.

Andre: Funktioniert unternehmerisches Handeln auch innerhalb von Unternehmen?

Michael: Ja, das ist der Intrapreneur. Das Minimum, was ich dafür brauche, ist Freiraum und Gestaltungsraum. Manchmal geht es auch um ein Budget. Aber in Wirklichkeit ist nicht Geld, sondern Zeit ein großer Engpass in vielen Organisationen.

Ich habe beobachtet, Intrapreneurship geht auch unter den widrigsten Umständen. Fördern kann ich das mit einem klaren Zeitbudget. Die zweite wichtige Schlüsselressource ist Aufmerksamkeit. Wenn ich als Führungskraft möchte, dass ein Mitarbeiter neue Handlungsanlässe findet und dann keine Aufmerksamkeit schenke, dann wird es richtig schwierig.

Welche vier Prinzipien bilden die Grundlage für Effectuation?

Prinzip 1: Schaue auf deine vorhandenen Ressourcen und Mittel

Wenn du einen Handlungsanlass hast, schau auf die Mittel, die du zur Verfügung hast. Stelle die richtigen Fragen:

  • Wer bin ich?
  • Was weiß ich?
  • Was kann ich?
  • Was habe ich bereits an Vorwissen?
  • Wen kenne ich und wen kann ich ansprechen?

Dazu ein aktuelles Beispiel: Die Firma Biontech war eines der ersten Unternehmen, die einen wirksamen Covid-Wirkstoff auf den Markt gebracht haben. Das gelang durch die Nutzung eines Zufalls. Biontech hatte 20 Jahre lang an Krebstherapie geforscht und dann stellte sich heraus, dass die bereits erforschte Technik und das vorhandene Know-How die Grundlage eines Impfstoffes gegen Covid-19 sein kann.

Prinzip 2: Nutze den leistbaren Verlust

Was ist der leistbare Verlust? Ich mache die Dinge, die interessant erscheinen so, dass ich nur das mache, was ich als Verlust verschmerzen kann. Die Frage ist: Was ist der leistbare Zeit- oder Energieeinsatz? Das ist rascher und günstiger als eine aufwendige Mittelbeschaffung.

Prinzip 3: Nutze den Zufall als Hebel

Wenn ich mit der neuen Idee unterwegs bin, dann werden zwangsläufig Dinge passieren, mit denen ich nicht gerechnet habe. Die Frage ist immer, wie ich diese Ereignisse als Hebel nutzen kann? Auch hier zeige ich auf das Beispiel Biontech. Wenn ich 20 Jahre geglaubt habe, ich forsche an einer Krebstherapie und dann kommt per Zufall die Covid-Pandemie daher, dann kann ich diesen Zufall nutzen und schon bin ich in einem anderen Thema unterwegs. Diese unternehmerische Entscheidung, das eigene Thema so konsequent zu verändern, benötigt übrigens Mut.

Prinzip 4: Hole früh Partner ins Boot

Suche sehr früh Partner, die bereit sind, in deine Idee zu investieren. Also eigene Zeit, eigene Mittel und eigene Ressourcen. Dieses echte Commitment, egal ob es von Kunden oder Partnern kommt, ist ein Erfolgsfaktor.

Andre: Wie geht es bei dir weiter, Michael?

Michael: Das letzte Jahr war extrem spannend, da ich ganz viele Unsicherheiten persönlich erlebt habe. Ich bin dabei, die vierte Auflage meines Buches “Effectuation” fertigzustellen. Im Mai kommt das neue Buch heraus. In der Zeitschrift für Organisationsentwicklung habe ich jetzt Effectuation im Kontext Mut vorgestellt. Neu ist auch seit letztem Jahr, dass wir Effectuation mit Effectuation-Essentials6 in vier halbtägigen Modulen anbieten, die man vollständig Online machen kann.

Mehr zu Effectuation und Michael Faschingbauer:

Ich kann dir sehr diesen TEDx-Talk7 von Michael empfehlen:

TEDx-Talk von Michael zu Effectuation


  1. Effectuation im DACH-Raum: https://www.effectuation.at ↩︎

  2. Webauftritt von Michael Faschingbauer http://www.faschingbauer.at ↩︎

  3. Michael Faschingbauer auf LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/michael-faschingbauer-a566ba4/ ↩︎

  4. Das sehr lesenswerte Buch von Michael Faschingbauer zu Effectuation: https://shop.schaeffer-poeschel.de/prod/effectuation ↩︎

  5. Effectuation Forschung & Praxis www.effectuation.at ↩︎

  6. Effectuation Essentials 4x3: https://www.eventbrite.at/e/effectuation-essentials-4x3-tickets-129992484019?aff=effectuationat1 ↩︎

  7. Effectuation TEDx-Talk mit Michael Faschingbauer https://youtu.be/oFLQL50PZQQ ↩︎

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