Gedanken zum Portalverbund: Zu klein gedacht, zu groß gemacht!


In 2018 ist die Verwaltung so digital wie in 2008: Nämlich so gut wie gar nicht.

Seien wir mal ehrlich, wir haben die Digitale Verwaltung in Deutschland ziemlich in den Sand gesetzt. Es gab in den letzten Jahren kaum nennenswerte Fortschritte. Aber das Problem der fehlenden Digitalisierung betrifft nicht nur die Verwaltung, sondern ist auch ein breites gesellschaftliches Thema. Unsere digitale Infrastruktur ist schlecht, es gibt die berüchtigte #GermanAngst zum Thema Digitalisierung.

Inhalt des Artikels [ Anzeigen ]

Status Quo 2018: Was zeichnet die Digitalisierung in Deutschland derzeit aus?

  • Wir haben im europäischen Vergleich eine schlechte digitale Infrastruktur mit allen Konsequenzen.
  • Wir haben weltweit mit die teuersten Mobilfunktarife.
  • Wir haben eine öffentliche Verwaltung, in der man auch in 2018 so gut wie nichts online erledigen kann.

"2018 ist die Verwaltung so digital wie in 2018: Nämlich so gut wie gar nicht."

Klick hier für einen Tweet

Meine Argumente für die Digitale Verwaltung

Aus meiner Sicht gibt es handfeste Gründe für eine digitale Verwaltung. Ich finde, die Stadt Wien hat es in Ihrer Digitalen Agenda auf den Punkt gebracht. Es geht schlicht darum, den Menschen mehr Zeit zu schenken. Und das gilt auch für die Mitarbeiter der Verwaltung, die an vielen Stellen Überlastungsanzeigen haben.

60% der Arbeitnehmer sind Pendler und können nicht mal “eben” zum Amt

Wenn wir dann noch auf die Bürger schauen, dann müssen wir feststellen, das ca. 60% der Arbeitnehmer Pendler sind 1. Viele davon müssen sich für Behördenkontakte Urlaub nehmen. Jetzt kann man natürlich sagen, dass ein Bürger in der Regel nur 1 bis 3 Kontakte pro Jahr hat, aber das ist nur ein statistisches Mittel mit einer sehr hohen Varianz. Es gibt viele Menschen, die je nach Lebenslage sehr viele Behördenkontakte haben und dann gibt es Verwaltungen, wie in Berlin, die in Folge jahrelanger Sparprogramme katastrophal überfordert sind.

Mehr zu dem Thema in einem Beitrag vom ZDF Morgenmagazin.

Insbesondere Unternehmen haben sehr viele Behördenkontakte pro Jahr

Die Digitalisierung der Verwaltung ist auch ein Stück moderne Infrastruktur. Insbesondere Unternehmen haben eine Vielzahl an Behördenkontakten, von der Baubehörde, über das Gesundheitsamt bis hin zur Unternehmensgründung. So hat allein in Berlin ein Unternehmen ca. 130 Behördenkontakte pro Jahr2. In vielen Branchen ist die Verwaltung notwendiger Teil der Prozesskette. Und die Automatisierung von Prozessen kommt dann bei der Verwaltung knirschend zum Stehen.

Ohne Digitalisierung ist manche Verwaltung bald nicht mehr arbeitsfähig

Schaut man auf die Verwaltung selbst, sind die Effizienzerfordernisse ungleich größer. Eine Digitale Verwaltung wird dazu führen, dass eine Vielzahl der Anliegen schneller, teilweise vollautomatisiert bearbeitet werden können.

Die Notwendigkeit zur Automatisierung ist aber tiefgreifender: Der öffentliche Dienst ist am stärksten vom demographischen Wandel3 betroffen. Der Altersdurchschnitt der Mitarbeiter in den Verwaltungen ist teilweise sehr hoch. Ein Beispiel: Hier in Nordrhein-Westfalen liegt der Altersschnitt in der Verwaltung bei ca. 55 Jahren. Eine ganze Generation geht bald in den Ruhestand. Danach gibt es als Folge eines jahrelangen Einstellungsstopps, eine Generationenlücke. Viel Wissen wird verloren gehen.

Altersstruktur der Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Quelle: (c) BiB 2017 / demografie-portal.de

Die Digitalisierung der Verwaltung ist aktive Wirtschaftsförderung

Mein letztes Argument hat etwas mit Wirtschaftsförderung zu tun. Nicht nur die Verwaltung ist analog, ein Großteil der Unternehmer sind es auch. Auftragsabwicklung, Rechnungsstellung, Buchhaltung und Steuer erfolgt über Papier. Hier kann die Verwaltung tatsächlich ein Stück Wirtschaftsförderung betreiben, indem Sie digitale Vorgaben macht. Ein schönes Beispiel könnte die E-Rechnung sein. Warum nicht die Fakturierung über E-Rechnung einfordern? Auf der anderen Seite: Die Reaktionszeit der Verwaltung auf Anliegen kann ein echter Standortvorteil sein. Beispielsweise kann eine elektronische Baulastenauskunft Entscheidungen deutlich beschleunigen.

Alles schön und gut, aber nicht jeder will digital arbeiten

Digitalisierung ist überhaupt kein Widerspruch zum Service vor Ort. Wenn ich als Bürger zum Amt gehen möchte, dann kann ich das weiter tun. Dort kann der oder die städtische Angestellte genau denselben Service erbringen und mich bei der Nutzung der digitalen Angebote unterstützen. Der Trick dabei ist, dass bei allen Anliegen dieselbe Prozesskette genutzt werden kann. Der Gang zum Amt leitet dennoch einen digitalen Prozess ein.

Welche Vorbilder gibt es bei der Digitalen Verwaltung?

Da Deutschland digitaler Nachzügler ist, muss man nach Vorbildern nicht lange suchen 4:

  • In Italien entwickelt sich die elektronische ID-Karte sehr erfolgreich. Dahinter steckt der ambitionierte Plan, 70% der Bürger bis 2020 mit einer digitalen Identität auszustatten. Im Unterschied zu Deutschland, wird die Nutzung der elektronischen ID-Karte stark gefördert. So erhalten Italiener mit dem 18. Lebensjahr, einen 500€ Kulturgutschein, wenn Sie die eID Karte beantragen. Zusätzlich werden landesweite digitale Angebote geschaffen, wie beispielsweise die digitale Schulanmeldung für Grund- und weiterführende Schulen 5.

    "Guter Anreiz: 18 jährige Italiener erhalten 500€ Kulturgutscheine für die Beantragung einer eID"

    Klick hier für einen Tweet
  • Spanien und insbesondere Katalonien sind echte Vorbilder 6. Stück für Stück werden in Spanien digitale Angebote erschaffen. Aber es gibt auch Zwang. Funktioniert eine digitale Lösung, wird die analoge nach einer Übergangsfrist nicht mehr unterstützt. In den Medien wird insbesondere die Umstellung der Stadt Barcelona von Microsoft auf Linux hervorgehoben (wobei man wohl erst mal bei Microsoft Office bleibt. Warum auch nicht.). Das ist aber aus meiner Sicht gar nicht so beeindruckend. Wichtig ist, dass Lösungen gemeinsam mit den Bürgern erdacht und umgesetzt werden. In Barcelona werden neu geschaffene Lösungen grundsätzlich als Open Source öffentlich bereit gestellt. Damit ist Barcelona die erste Stadt in Europa, die die Initiative Public Money, Public Code voll unterstützt. (Mehr dazu in 7 und in 8).

  • Österreich dient Deutschland als offizielles Vorbild. Na gut, auch Österreich ist föderal in Regionen und Kommunen strukturiert. Außerdem, man spricht Deutsch! Das macht die Sache einfacher. Österreich arbeitet mit sanften Zwang und Nutzen. Vieles wird pragmatischer angegangen, als in Deutschland. In Österreich ist beispielsweise die digitale Unterschrift mit der Handy-Signatur9 möglich. Das bedeutet, dass Anliegen mit dem Smartphone und einer SMS-Tan abgewickelt werden können. Die Handy-Signatur ist in Österreich ein Erfolgsmodell. In Deutschland benötigt man neben einem freigeschalteten Personalausweis ein Lesegerät 10 und wegen der nicht mobilen Lösungen oft auch noch einen PC. Mittlerweile können auch einige wenige Android-Smartphones zum Auslesen des elektronischen Personalausweises genutzt werden, aber es sind gegenwärtig nur wenige Modelle zuverlässig nutzbar.

  • Estland braucht als führendes Beispiel für Verwaltungsdigitalisierung eigentlich nicht mehr erwähnt werden. Fast alles kann in dem baltischen Land digital gemacht werden: Von der Gewerbeanmeldung über die Steuererklärung bis zur Wahl. Grundlage der Digitalisierung ist eine sogenannte ID-Karte, die eine digitale Unterschrift ermöglicht. Übrigens entwickelt sich die Lösung von Estland zum Exportschlager: Finnland und Japan übernehmen Komponenten der Lösung. Auf Grund des sehr historisch gespannten Verhältnisses zu Russland legt man in Estland einen hohen Wert auf Sicherheit.

  • Zuletzt werfe ich noch einen Blick auf Afrika. Beispielsweise erfolgt in Kenia fast der gesamte Zahlungsverkehr bargeldlos über Handy: Von der Gehaltsüberweisung bis zum Lebensmittelkauf. Die Anzahl der Transaktionen bewegt sich auf dem Niveau von PayPal. Das ist schon mal eine Nummer. Auch beim E-Government wechselt man auf die Überholspur: Namibia hat die X-Road von Estland produktiv gesetzt und baut darauf jetzt erste digitale Angebote auf. Mangel und Not machen erfinderisch. Wenn ich ein Spieler wäre, würde ich derzeit eher auf Namibia, als auf Deutschland setzen, was E-Government angeht11.

Die deutsche Lösung: Der Portalverbund

Damit die digitale Verwaltung irgendwann auch einmal in Deutschland Wirklichkeit wird, plant die neue Bundesregierung (#GroKo) den Portalverbund. Die Idee ist es, alle Verwaltungsleistungen zu vernetzen und über ein Bundesportal verfügbar zu machen.

Im Koalitionsvertrag der #GroKo steht dazu folgendes:

 Auf dem Weg in die digitale Verwaltung:

Wir werden in einem digitalen Portal für Bürgerinnen und Bürger sowie für Unternehmen einen einfachen, sicheren und auch mobilen Zugang zu allen Verwaltungsdienstleistungen ermöglichen. Dazu vernetzen wir geeignete zentrale und dezentrale Verwaltungsportale in einem Portalverbund.

Also kurz:

Die bereits bestehenden Lösungen sollen vernetzt und katalogisiert werden. So etwas gab es schon mal für das Internet. Das Produkt hieß Yahoo und war eine Art Katalog der Webangebote. Die Suchmaschine Google hat aber der Notwendigkeit von Katalogen ein Ende bereitet. Yahoo wurde verkauft und hat heute als Katalog keine Bedeutung mehr.

Ein Katalog von Leistungen ähnlich wie Yahoo? Quelle: The Internet Archive

Und ich bin der Meinung, auch wenn die bestehenden Leistungen zu einem Katalog verdichtet werden, entstehen daraus nicht zwingend neue digitale Angebote.

Wieviele Bürgerkonten braucht das Land?

Damit der Bürger auf diese vernetzten Leistungen zugreifen kann, benötigt er aber irgendeine Form der Identität. Diese soll durch verknüpfte Bürgerkonten auf Basis des elektronischen Personalausweises hergestellt werden. Auch bei den Bürgerkonten gibt es keine zentrale Lösung, denn fast jedes Bundesland hat bereits sein eigenes Bürgerkonto. Alle Konten müssen wiederum gekoppelt werden. Technisch und organisatorisch ist das schwierig und komplex.

Zum Bürgerkonto führt der Koalitionsvertrag aus:

In dem damit verknüpften Bürgerkonto hat der Bürger Einblick, welche Daten beim Staat vorliegen, welche Behörde darauf Zugriff genommen hat und kann den Umgang mit seinen persönlichen Daten steuern. Für die Umsetzung des Gesetzes zur Verbesserung des Onlinezugangs zu Verwaltungsleistungen (OZG) wollen wir 500 Millionen Euro zur Verfügung stellen.

500 Millionen vom Bund ist eine Menge Geld, aber reicht das?

Es gibt ca. 5900 Verwaltungsdienstleistungen, die der Leistungskatalog (Leika) aufzählt und potentiell digitalisiert werden können. Über alle Ebenen des Föderalismus hinweg gibt es ca. 9000 Domänen bzw. Web-Sites der öffentlichen Verwaltung, die in diesen Portalverbund miteinander vernetzt werden müssten. So fordert der zuständige Staatssekretär Klaus Vitt bereits jetzt weitere 1.500 Millionen von den Ländern, damit dieses Vorhaben überhaupt funktionieren kann. Damit wären wir möglicherweise schon bei 2 Milliarden Euro.

Ich stelle mir folgende Fragen:

  • Ist die Vernetzung des Flickenteppichs der Behördendienste und das dann folgende Stopfen der Löcher der richtige Ansatz?
  • Wo kommt diese Idee eigentlich her?
  • Wie wird der Bund der Steuerzahler das Projekt in 5 Jahren bewerten? Ich bin mal gespannt.

Kein gutes Omen: Das Vorbild ROBASO der Bundesagentur für Arbeit!

Der für den Portalverbund im Innenministerium zuständige Staatssekretär Klaus Vitt ist ein erfahrener Manager und IT-Experte. Klaus Vitt war bis 2014 Geschäftsführer der IT der Bundesagentur für Arbeit und eines der wichtigsten IT-Projekte in seiner Zeit war ROBASO, die rollenbasierende Vorgangsbearbeitung.

Staatssekretär Klaus Vitt - Quelle: Bundesministerium des Inneren

Die Bundesagentur für Arbeit hat seit ihrer Gründung einen Flickenteppich an IT-Lösungen aufgebaut. Mit ROBASO sollten diese IT-Lösungen miteinander vernetzt werden. Ein wichtiges Ziel war es, dass Stammdaten (beispielsweise Personendaten) nur noch einmal erfasst werden müssen. All das erinnert mich sehr an die Anforderungen für den geplanten Portalverbund.

An ROBASO wurden fünf Jahre gearbeitet und nachdem 60 Millionen Euro ausgegeben waren, wurde das Projekt 2017 endgültig gestoppt. Die Erkenntnis damals war: Erst in der Pilotierung zeigte sich die Untauglichkeit der Lösung 12.

Wie soll der Portalverbund eigentlich technisch realisiert werden?

Hört auf Boromir: Man verlinkt nicht mal eben 9000 Portale. Quelle: imgflip

Die Grundlage für die Zusammenfassung und Strukturierung der Verwaltungsleistungen bildet der Leistungskatalog (Leika) des IT-Planungsrates. 13.

Leika listet ca. 5900 Verwaltungsleistungen über alle Ebenen des Föderalismus (Bund, Land, Kommune) auf. Das folgende Schaubild des IT-Planungsrates, der für die Realisierung und Projektsteuerung verantwortlich ist, zeigt das auf:

Schematischer Aufbau des Portalverbundes. Quelle IT Planungsrat

Für mich als IT-Experte offenbart das Schaubild verschiedene Probleme der Idee.

Intelligente Verlinkungen, bitte was?

Wie sollen die Portale wirklich konkret verknüpft werden? Das Bild beschreibt einen Lösungsansatz in Form von “intelligenten Verlinkungen”.

Der mir bekannte Lösungsansatz basiert auf dem Leistungskatalog (Leika) und den dahinter liegenden Strukturbeschreibungen des Föderalen Informationsmanagements (FIM) des IT-Planungsrates14. In Leika und FIM werden aus Sicht der Behörden alle Verwaltungsleistungen formal beschrieben. Ein Problem dabei ist, dass viele Ausführungsbestimmungen bzw. Präzisierungen Ländersache sind. Das heißt, ein und dieselbe Leistung wird in den Bundesländern unterschiedlich abgewickelt. Auch die Kommunen haben oft eigene Durchführungsbestimmungen. Leika wird an dieser Tatsache wenig ändern.

Ein weiteres Problem: Weder Leika, noch FIM sind derzeit praxiserprobt. Es gibt keine mir bekannten Portale, die wirklich 1:1 auf Leika bzw. FIM basieren.

Potentiell müssen Fachverfahren aus 11.000 Kommunen angebunden werden

Damit die digitale Verwaltung von Anfang bis Ende Wirklichkeit wird, müssen unzählige Fachverfahren angebunden werden. Als Fachverfahren bezeichne ich eine Software, die für einen definierten fachlichen Ablauf in der öffentlichen Verwaltung verwendet wird.

Bürger- und Servicekonten und der neue Personalausweis

Des Weiteren möchte sollen über “offene” Standards die Informationsservices verbunden werden. Dazu werden derzeit Servicekonten, also landesspezifische Lösungen zur Identifizierung von Bürger verknüpft. Eine Identitätsprüfung der Bürger soll über den neuen (elektronischen) Personalausweis stattfinden. Und bei dem neuen elektronischen Personalausweis bleibt das Problem der unglaublich geringen Akzeptanz. Es gibt so gut wie keine funktionierenden Angebote, das Lesegerät kostet über 100€ und viele Bürger sind hinsichtlich des Datenschutzes und des möglichen Zugriffes der Behörden auf persönliche Daten verunsichert.

Die eIDAS oder wie sich ein Spanier demnächst in Berlin per Chipkarte ummeldet

Auch so etwas gibt es: Die EU ist schneller als das technisch machbare. Mit der eIDAS-Verordnung (Verordnung (EU) Nr. 9102014 über elektronische Identifizierung und Vertrauensdienste für elektronische Transaktionen im Binnenmark) hat die EU vorgegeben, dass Identifizierungen europaweit gültig und der Unterschrift gleichgestellt sind. Wie soll das funktionieren? Ich bediene mich dazu eines Beispiels vom OpenData Spezialisten Wolfgang Ksoll: Ein Spanier möchte sich zusammen mit seiner deutschen Freundin in Berlin ummelden. Er besitzt eine spanische eID-Karte von Infinion (Ähnlich wie der Chip auf den EC-Karten) und sie hat den neuen Personalausweis mit NFC-Chip. Hat das Berliner Bezirksamt alle europäischen Lesegeräte? Der Wildwuchs in Europa ist zwar rechtlich geklärt, aber weder technisch noch organisatorisch.

Tempo, Tempo, Tempo: In 5 Jahren soll per Gesetz alles fertig sein

In 5 Jahren soll alles fertig sein. Der Bund macht in Form des am 14.8.2017 beschlossenen Onlinezugangsgesetzes (OZG)15 Druck:

  • Bund und Länder müssen in 5 Jahren ihre Verwaltungsleistungen Online anbieten.
  • Die IT-Sicherheit wird vom Bund vorgegeben.
  • Technische Basisdienste werden vom Bund vorgegeben. Die Länder können Alternativen entwicklen, aber müssen diese dann selbst betreiben und finanzieren. Geld ist ein guter Hebel!

Ob und wie die Landschaft in 5 Jahren aussieht, werden wir sehen. Weitere Informationen gibt es hier: http://www.secupedia.info/wiki/E-Government-Gesetz

Meine Kritikpunkte in der Zusammenfassung

  • Zu klein gedacht, zu groß gemacht: Die Lösung ist von der Vision eigentlich zu klein gedacht. Es gibt keine Initiative für echte digitale Infrastruktur auf Bundesebene, sondern man möchte im Portalverbund nur die bestehenden inkompatiblen Lösungen verbinden. Aber, das reine Verbinden ist alles andere als trivial und hat ein hohes Potential der Verzettelung.

"Der Portalverbund: Zu klein gedacht, zu groß gemacht!"

Klick hier für einen Tweet
  • Wir lösen das falsche Problem: Das Problem in Deutschland ist nicht das Finden des richtigen Zugangs zu Behördenleistungen. 90% der Leistungen werden ohnehin von den Kommunen erbracht und die sind über Google bereits jetzt problemlos zu finden. Das wirkliche Problem sind fehlende nutzbringende digitale Services. Diese können aber weiterhin von den Kommunen nicht alleine gestemmt werden, da es dort an Mitteln und Know-How fehlt. Wäre es nicht besser, wenn das Geld direkt in den Aufbau von digitalen Angeboten gesteckt würde?

  • Wir brauchen nützliche E-Government Angebote, die von den Bürgern verstanden werden Das bedeutet, das nutzerzentriert gedacht werden muss. Wie können komplexe Verwaltungsprozesse so vereinfacht werden und die Barriere für die Nutzung so gesenkt werden, dass diese auch in Anspruch genommen werden können.

  • Eine reine Verknüpfung aller Portale reicht nicht. Wir brauchen eine Infrastruktur für einen sicheren Datenaustausch der Informationsinseln in Bund, Land und Kommunen. Wir brauchen mehr als intelligente Verlinkungen, wir brauchen eine sichere Straße zwischen den Dateninseln mit geregeltem Datenverkehr.

  • Wir brauchen eine Identität für Verwaltungsobjekte. Wir brauchen Identifikationsnummern für Bürger, juristische Personen und den Verwaltungsobjekten (Angeboten). Damit mit man Schmidt von Schmidt unterscheiden kann. Das ist ein uraltes Problem und Bedarf grundsätzlicher gesetzlicher Änderungen. Viele Datenschützer sind dagegen, aber aus meiner Sicht ist das Unfug. Wir haben bereits alle eine Identnummer, die heißt Steueridentifikationsnummer. Das zu lösende Problem besteht in der Verknüpfung von Daten. Ein erster Vorschlag, der rechtlichen und datenschutztechnischen Anforderungen genügt, hat der Normenkontrollrat16 im Oktober 2017 vorgelegt. Bitte umsetzen!

  • Wir brauchen eine Lösung, die auch die Zivilgesellschaft mit einschließt. Die Verwaltung beschäftigt sich mit sich selbst. Warum kann der Portalverbund nicht offen sein? Warum können nicht gewerbliche Dienstleistungen, Bankgeschäfte und Gesundheit gekoppelt genutzt werden?

  • Wir denken noch in Portalen, aber was wir brauchen ist eine digitale Plattform der Verwaltung. Portale sind Fragestellungen aus dem Jahr 2000. Was wir in 2018 brauchen sind Plattformen für einen gesicherten Daten- und Rechtsverkehr. Wir dürfen diese Dinge nicht Facebook, Google oder Amazon überlassen.

"Die Verwaltung denkt noch in Portalen, wir brauchen aber Plattformen!"

Klick hier für einen Tweet
  • Das Thema Datenschutz oder viel mehr Personenschutz ist das heikelste Thema. Obwohl es die Verwaltung nicht wahrhaben will, ist das Vertrauen der Bürger in den Staat sehr gering. Hier hilft nur absolute Transparenz, welche Daten wie gespeichert werden. Und die Nachprüfbarkeit der Verarbeitung muss für jeden gegeben sein. Auch für mich.

  • Wieder einmal erfinden wir das Rad neu. Warum können wir nicht einfach funktionierende Lösungen adaptieren, wie die Handy-Signatur aus Österreich oder die X-Road von Estland. Nicht alles muss wieder in Deutsch entwickelt und bezahlt werden. Zumal wir auch mal resümieren müssen, dass deutsche IT-Projekte keine Erfolgsstories sind. Ich gehe sogar soweit zu sagen: Es gibt kein mir bekanntes deutsches Erfolgsprojekt im öffentlichen Bereich. Es gibt maximal gerettete Katastrophen, wie Toll-Collect.

  • IT-Sicherheit muss benutzbar sein. Wer absolute Sicherheit fordert, schafft Unsicherheit. Natürlich ist ein tan-basiertes Verfahren wie die Handy-Signatur in Österreich nicht so sicher, wie eine Chip-Karte im elektronischen Personalausweis. Aber: Kaum ein Bürger hat einen Chip-Kartenleser und das Auslesen mit dem Smartphones funktioniert nur bei wenigen Modellen 10. In den USA und England geht man das Ganze viel pragmatischer an. Getreu dem Motto: Wer zahlt, lebt! So kann in den USA seit 1999 der Führerschein mit Name/Passwort automatisch verlängert werden.

AusweisApp2 Bewertungen im Google PlayStore im April 2018.

"Wer absolute Sicherheit fordert, schafft Unsicherheit!"

Klick hier für einen Tweet

Lösungsideen und Diskussionsvorschläge

Bei allen Lösungsideen und -Impulsen ist mir eines wichtig: Es geht um nachweislichen Nutzen für Bürger-, Unternehmen aber auch für die Verwaltungen selbst. Und ein zweite Punkt ist genauso wichtig: Umsetzbarkeit und Machbarkeit.

Einige der besten Lösungsideen kommen nicht von mir, sondern von Arthur Mickoleit, der für Gartner einen hervorragenden Artikel zu dem Thema Digitale Verwaltung geschrieben hat. Eine messerscharfe Analyse mit wirklich guten Tipps. Link: Germany E-Agency/

Nicht die Anzahl der digitalisierten Prozesse ist wichtig, sondern die Anzahl der Nutzer

Wie erkennt man eine erfolgreiche Digitalisierung eigentlich? Bei klassischen Kennzahlen wären es die Anzahl der digitalen Prozesse. Aber die richtige Kennzahl nennt Thomas Langkabel von der Fa. Microsoft in einem Tweet, der fett ausgedruckt im Bundesministerium hängen sollte:

Entwickelt nicht für den Bürger, entwickelt mit dem Bürger

Ich bediene mich auch hier des Blogs von Arthur Mickoleit. Erfolgreiche Digitalisierung wird nicht am Reißbrett geschaffen, sondern durch aktive Interaktion mit dem Nutzer der Lösung: Und das wären nunmal die Bürger und Unternehmen.

"Entwickelt nicht für den Bürger, entwickelt mit dem Bürger!"

Klick hier für einen Tweet

Die Digitalisierung kann aus meiner Sicht nur gelingen, wenn Prinzipien des Lean Managements genutzt werden. Eric Ries, der Autor des Buches “The Lean Startup” fasst es wunderbar zusammen:

Um das richtige Produkt zu bauen, muss die Vision systematisch und unnachgiebig getestet werden um herauszufinden, welche Thesen brillant sind, und welche einfach nur verrückt. (Eric Ries)

Und testen heißt hier, dass Bürger und Unternehmen ein klares auch hartes Feedback geben können. Dabei reichen einfache Prototypen, sogenannte Minimal Viable Products, um Thesen zu prüfen.

Herzu ein paar Ideen: Warum nicht ein BarCamp zum Portalverbund machen? Warum nicht ein paar Prototypen bauen und die einfach mal testen? Auch das Design Thinking könnte helfen, die waren Probleme zu ergründen. Wichtig wäre es, außerhalb der bekannten Experten und Juristen zu schauen. Wer kann helfen?

Basis-Komponenten grundsätzlich Open Source stellen

Es hört sich technisch an, aber Open-Source ist auch digitale Kultur. Das Thema Digitalisierung wäre kein Thema, wenn nicht die ganze Basis Open Source wäre. Open Source schafft Kooperation, Partizipation und Effizienz. Der Portalverbund sollte den Deutschen gehören und nicht ein geschlossenes von IT-Dienstleistern entwickeltes Produkt. Wir haben beim besonderen Elektronischen Anwaltskonto bEA gesehen, wie katastrophal die Ergebnisse sein können 17.

Erfolgreiche Vorbilder suchen und übernehmen: X-Road kaufen

Aus meiner Sicht hat Estland eine Lösung entwickelt, die wir auch technisch übernehmen können.

Die Idee ist einfach. Estland hat die digitale X-Road entwickelt. Dabei handelt es sich um eine Technik zur sicheren Kommunikation zwischen verschiedenen dezentralen geschützten Datenbeständen. Wichtig ist, dass an der X-Road in Estland auch der private Sektor angeschlossen ist. Ein sehr wichtiger Erfolgsfaktor, sowohl von der Akzeptanz, als auch von der Finanzierung her. Und im Unterschied zum Portalverbund, sind die Daten “nicht intelligent” verlinkt, sondern völlig getrennt. Daten fließen nur bei Bedarf und mehrfach gesichert und jeder Datenfluss kann vom Bürger nachvollzogen werden.

Die technische Übernahme ist auch kein Problem. So ist in Finnland ist die X-Road bereits im Echtbetrieb und seit Juni 2017 laufen sogar Pilotprojekte zum grenzüberschreitenden Datenaustausch 18.

Die X-Road. Quelle: Estland

Dazu noch ein letztes passendes Zitat von Harri Salminen, der sich mit der Digitalisierung von Finnland beschäftigt:

Fazit

Die Digitale Verwaltung muss anders gedacht werden. Viel größer in der Vision, viel einfacher und kleinteiliger in der Realisierung.

"Die Digitale Verwaltung muss anders gedacht werden. Viel größer in der Vision, viel einfacher und kleinteiliger in der Realisierung."

Klick hier für einen Tweet

Weiterführende Artikel

Thomas Langkabel: Die blinden Stellen bei der Suche nach der Digitalen Verwaltung

Dieser Artikel von Thomas Langkabel ist immer wieder lesenswert und schildert die Hintergründe, warum wir in der Verwaltungswelt zu den Lösungen kommen, die wir jetzt haben:

Zum Artikel: Die blinden Stellen bei der Suche nach der Digitalen Verwaltung.

Ines Mergel: Digitalagentur? Gute Idee - wenn man es richtig macht.

Es gibt sie, die Vorbilder für eine Digitalagentur. Wichtig ist aber auch der Vorschlag, wie es weiter gehen könnte.

  1. Experten suchen, die an dem Konzept der Digitalagentur arbeiten. Gerne auch aus dem Ausland.
  2. Investition in digitale Kompetenzen der Mitarbeiter der Verwaltung.
  3. Ausstattung der Digitalagentur mit Befugnissen und Budget. Entwicklung von Basiskomponenten.

Zum Artikel: Digitalagentur? Gute Idee - wenn man es richtig macht

Arthur Mickoleit - Germany’s e-government agency must surpass its name to drive real change

Sehr guter Artikel zu dem Thema Digitale Transformation. In diesem Artikel sind viele kluge Gedanken gut ausformuliert.

Zum Artikel: Germany’s e-government agency

Was ist Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit

Ich freue mich auf die Diskussion zu diesem Thema. Zum Abschluss möchte ich mich ganz herzlich bei Wolfgang Ksoll und Arthur Mickoleit für das Feedback und wichtige Anregungen bedanken.

Fußnoten


  1. Hannoverische Allgemeine: Zahl der Pendler in Deutschland erreicht neuen Rekord [return]
  2. Verwaltung in Berlin: Jeden Tag eine neue Katastrophe [return]
  3. Demographie-Portal: Öffentlicher Dienst Altersstruktur [return]
  4. Digital Index 20172018 [return]
  5. The new Italian national eID card goes live (2017 update) [return]
  6. Wirtschaftswoche: Spanische Lektionen für Deutschland: [return]
  7. Public Money, Public Code: publiccode.eu [return]
  8. Barcelona setzt auf Open Source [return]
  9. Digitales Österreich - Die Bürgerkarte. [return]
  10. Und ja, ich weiß, dass man auf manchen Android-Telefonen mit der AusweisApp2 jetzt auch den neuen Personalausweis auslesen kann. Aber das ist keine allgemein gültige und nutzbare Lösung und wird von iOS gar nicht und von Android bis einschließlich Android 8 nur sehr schlecht unterstützt. Weitere Informationen siehe hier: https://www.ausweisapp.bund.de/mobile-geraete/ [return]
  11. X-Road in Namibia [return]
  12. Heise: 60 Millionen Euro versenkt. Bundesagentur für Arbeit stoppt IT-Projekt ROBASO [return]
  13. Link auf den Leistungskatalog Leika mit ca. 5900 Behördenleistungen: http://www.gk-leika.de [return]
  14. Der IT-Planungsrat ist ein Steuerungsgremium von Bund- und Ländern, welches die Zusammenarbeit im Bereich E-Government koordiniert. Quelle. Wikipedia [return]
  15. Gesetze im Internet: Onlinezugangsgesetz OZG [return]
  16. Der Normenkontrollrat ist ein Gremium zum Bürokratieabbau in Deutschland. Falls Sie die Möglichkeit haben, den Vorsitzenden Johannes Ludewig live zu erleben, nutzen Sie diese Chance :-). [return]
  17. Zu dem besonderen Anwaltspostfach bEA: Noch mehr Lücken im Anwaltspostfach. [return]
  18. Interoperabilität der X-Road [return]
comments powered by Disqus