Angela Merkel erklärt sinnstiftende Arbeit in der Digitalisierung


Digital made in DE - Die Strategie nach der Strategie

Ich gebe es zu. Wenn es um die Digitalisierung geht, bin ich eigentlich kein Freund von Angela Merkel. In der Vergangenheit hat Frau Merkel viele digitale Initiativen angekündigt, aber diese wurden letztendlich zugunsten anderer Prioritäten geopfert. So gehörte ich beispielsweise zu den den Leuten, die die alte Digitale Agenda 2014-20171 von den inhaltlichen Zielen her gut fanden. Leider gab es aus meiner Sicht kaum nennenswerte Resultate. Ob die aktuelle Strategie digital-made-in.de 2 erfolgreicher wird, bleibt abzuwarten.

Angela Merkel erklärt agile Arbeitsweisen

Aber wir sind jetzt im Jahr 2018 und das Thema Digitalisierung ist auf der politischen Agenda endlich weiter nach vorne gerückt. Das unterstrich eine wirklich erfrischende Angela Merkel in der Debatte zum Haushalt 2019, als sie ganz unerwartet über Ihre Sicht der Digitalisierung sprach. Nach einem furiosen Seitenhieb zur Spendenthematik der AFD 3 gab es eine sehr interessante Aussage zum Projektmanagement in der Digitalisierung:

Rede von Angela Merkel am 21.11.2018 mit dem Theme Portalverbund

Hier das Originalzitat von Angela Merkel:

Eine wesentliche Sache ist zu beachten: Dass wir vom Bürger her denken und nicht unsere Projekte so durchsetzen, wie wir das gewohnt sind. Wir sind im normalen klassischen Denken gewohnt ein Projekt zu planen, das gesamte Projekt dann schrittweise umzusetzen, während im Digitalen Zeitalter eine völlig andere Art der Herangehensweise da ist und Schritt für Schritt die Anwendungen eingeführt werden müssen. Und dieses richtige Denken beim Umsetzen des Bürgerportals wird sehr wichtig sein.

Was Frau Merkel beschreibt, ist nichts geringeres als moderne agile Arbeit. Man könnte fast sagen, dass Sie im Parlament eine kurze Einführung in Scrum gibt.

Zweckbestimmte Arbeit ohne Nutzen ist nicht erfolgreich

Die Politik ist bekanntlich nicht für Innovation bekannt. Das gilt aus meiner Sicht im besonderen Maße für eine wertekonservative Partei wie die CDU. Ist es denn wirklich innovativ, bei digitalen Lösungen vom Bürger her zu denken oder schrittweise Ergebnisse bereit zu stellen? Scheinbar reicht hier der gesunde Menschenverstand aus. Dennoch ist es auch im Jahre 2018 noch üblich, dass IT-Projekte im großen Stil geplant, realisiert und ausgerollt werden. Feedbackschleifen und Planänderung bei erkannten Veränderungen sind unerwünscht. Deutschland ist nicht das Land der Dichter und Denker, sondern der Kontrolleure und Juristen. Das merkt man auch bei der Projektarbeit.

Benutzbarkeit der Behördenprojekte: Note Ausreichend!

Die Politik erkennt, dass bei IT-Projekten der erzielte Nutzen für den Bürger maßgeblich ist. Dazu gibt es gute Gründe. Digitale Behördenlösungen haben derzeit eine geringe Akzeptanz beim Bürger. Die Initiative D21 deckt durch ihren jährlichen eGovernment Monitor die Hintergründe auf. Im aktuellen Bericht gab es hinsichtlich der Akzeptanz und der Benutzbarkeit eigentlich eine schallende Ohrfeige für die bisherigen Bemühungen:

  • Die ohnehin schon geringe Nutzung der Online-Dienste ist rückläufig.
  • Die Zufriedenheit der Anwender mit den Online-Diensten liegt bei 58%

Rückläufige Nutzung der eGovernment Angebote gemäß dem eGovernment Monitor 2018 der Initiative D21

Nur 58 Prozent der Nutzer sind mit den digitalen Angeboten der Behörde zufrieden

58% Zufriedenheit würde in der freien Wirtschaft recht schnell das unternehmerische Aus bedeuten. In Schulen gäbe es für diese Leistung ein “Knapp Ausreichend!” Kurz, die aktuellen Lösungen der Verwaltung sind schlichtweg nicht gut genug. Sie sind sogar aus Sicht des Bürgers einfach schlecht.

Was ist überhaupt der Sinn von digitalen Angeboten der Verwaltung?

Insofern ist die von Angela Merkel beschriebene Ausrichtung künftiger digitaler Angebote anhand des Nutzens für Bürger nur konsequent. Aber was ist der tiefere Sinn dahinter? Warum sollten Bund, Länder und Kommunen die Verwaltungsangebote überhaupt digital bereitstellen?

Darauf gibt es aus meiner Sicht zwei rationale Antworten:

  • Die Verwaltung ist ein Stück Infrastruktur. Hat ein Land eine gut funktionierende Verwaltung, dann geht es auch dem Land gut. Eine Verwaltung, die noch mit Aktenordnern, Durchschlägen und für Bürger unverständlichen Formularen arbeitet, ist nicht zeitgemäß und kann auch nicht als gut funktionierend bezeichnet werden.
  • Die Bereitstellung von guten und benutzerfreundlichen digitalen Angeboten ist auch Daseinsfürsorge. Sie vereinfacht den Kontakt der Menschen zur Behörde unabhängig von Lebenssituation und Alter. Digitale Bürgerservices schaffen eine wichtige zusätzliche Möglichkeit, neben dem Telefon oder dem Gang zum Amt, Behördenangelegenheiten abzuwickeln.

Wir brauchen aber mehr als rationale Antworten, damit Projekte wirklich erfolgreich sind. Ich finde, wir brauchen Antworten, die auch das Herz berühren.

Echter Nutzen erfordert Sinn und eine motivierende Vision

Ich glaube, wir sind gerade Zeugen der Veränderung unserer Arbeitswelt. Vielleicht ist es keine Revolution aber mit Sicherheit eine Evolution hin zu noch unbekannten Ufern. Wir leben in einer zunehmend komplexer werdenden Welt. Und in der Komplexität funktionieren große geplante Vorhaben schlecht, während kleinere Projekte mit schneller Rückkopplung erfolgreich sind. Insofern ist das Vorgehen, was Frau Merkel beschreibt, folgerichtig und gut.

Die nächste Stufe der Veränderung von Arbeit führt meines Erachtens dazu, dass immer mehr Arbeit selbstorganisierend stattfinden wird. Aktuell werden digitale Behördenprojekte noch nicht von wirklich eigenverantwortlichen Teams umgesetzt. Aber das kann und sollte sich aus meiner Sicht in den nächsten 10 bis 15 Jahren ändern. Selbstorganisation erfordert einen Rahmen und ein wichtiges Element des Rahmens ist eine überzeugende und gerne auch mutige Projektvision.

Angela Merkels Rede und unsere Reise zu sinnstiftender Arbeit

Angela Merkel ist in ihrer Rede zum Haushalt 2019 ungewohnt entspannt, präzise und zielgerichtet. Sie scheint in ihrer eigenen Arbeit gegen Ende Ihrer Kanzlerschaft eine tiefere Klarheit gefunden zu haben. Diese Klarheit und Sinnorientierung wünsche ich mir für alle Menschen, die in Projekten oder sogar überhaupt in ihrer Arbeit unterwegs sind. Noch sind wir am Anfang einer Bewegung, wie Sie in Form von agiler Arbeit oder New Work gerade entsteht, aber ich bin zuversichtlich, dass wir diesen Weg erfolgreich gehen können. Die Digitalisierung ist ein gesellschaftlicher Trend und sie erfordert neue und mutige Konzepte der Arbeit. Wenn der Bund bereits die ersten dieser Konzepte aufgreift, empfinde ich das als ein sehr positives Zeichen.

Exkurs: John. F. Kennedy und der Hausmeister in Cape Canaveral

Zum Abschluss möchte ich eine kleine und wahre Anekdote zu dem Thema sinnstiftender Arbeit erzählen.

Im Jahr 1962 besuchte der amerikanische Präsident John F. Kennedy das NASA Space Center und traf auf einen Hausmeister, der den Boden fegte. Der Präsident sprach ihn an: “Hey, ich bin Jack Kennedy, was machst du gerade?”. Die Antwort war verblüffend: “Mr. Präsident, ich trage dazu bei, dass ein Mann zum Mond fliegt.” 4. Der Hausmeister verstand das tiefere Warum seiner Arbeit. Wirklich gute und erfolgreiche Arbeit benötigt einen Sinn und diese Antwort vom “einfachen” Hausmeister zeigt, welche Würde in sinnstiftender Arbeit liegt.

Und auch die Digitalisierung der Verwaltung hat einen größeren Sinn. Sie trägt dazu bei, dass es uns hier in Deutschland unter den veränderten Rahmenbedingungen auch in Zukunft gut geht. Auch wenn es vordergründig dazu keinen Sachzusammenhang zu geben scheint.

Falls Sie Unterstützung in Ihren Digitalisierungsprojekten benötigen, sei es Moderation, Technologie oder Kreativitätstechniken, sprechen Sie mich gerne an: info [at] andreclaassen.de


  1. Die Digitale Agenda 2014-2017 ist mittlerweile vom Netz genommen worden. In der Wikipedia gibt es einen interessanten Bericht dazu. Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Digitale_Agenda_2014–2017 [return]
  2. Digitale Umsetzungsstrategie der GroKo ab dem 11.8.2018: https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/digital-made-in-de. [return]
  3. Zitat Angela Merkel nach der aus meiner Sicht unsäglichen Rechtfertigung von Frau Weidel: “Das Schöne an freiheitlichen Debatten ist, dass jeder über das spricht, was er für das Land für wichtig hält.” [return]
  4. Der Hintergrund meiner Anekdote: https://www.bizjournals.com/bizjournals/how-to/growth-strategies/2014/12/what-a-nasa-janitor-can-teach-us.html [return]
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