Luhmanns Zettelkasten

Als Informatiker habe ich mich früh und gerne mit dem Thema Wissensmanagement beschäftigt. Meine häufig selbstgestellte Frage war, wie ich Wissen sinnvoll und effektiv organisieren kann. Für mich persönlich gab es dabei eine Entwicklung, die bei dem Produkt HyperCard startete und aktuell beim Soziologen Luhmann endet.

So schließt sich ein Kreis, der mit dem Macintosh von 1986 begann und bei einem vollständig analogen Medium endet, was mir ein kleines Lächeln auf das Gesicht zaubert.

HyperCard, der Urvater des Wissensmanagements

HyperCard war eine unfassbar gute Idee für Wissensmanagement. Die Idee von HyperCard war genial: HyperCard war ein elektronischer und grafischer Karteikasten mit Hyperlinks. HyperCard gab es lange vor dem WorldWideWeb. Mit HyperCard konnten auf einfache Weise Karteikarten erstellt werden, die untereinander verlinkt werden konnten. Das Format der Karten war bewusst begrenzt, sie waren statisch und konnten mit Text, Formen oder Bildern gefüllt werden. Das statische Format der Karten zwang den Nutzer zur Präzision und Vereinfachung, ähnlich wie beim Kurznachrichtendienst Twitter. Eine Karte war eben eine Karte und kein Roman.

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“HyperCard is huge”, sagte der damalige Apple-Chef Steve Jobs und hauchte dem Produkt das Leben aus.

Das Weltwissen und Boris Becker’s “Ich bin drin”

Der nächste Durchbruch im Wissensmanagement war das World Wide Web (WWW) mit der genialen Idee der einfachen HTML-Sprache und der Verlinkung der Inhalte über alle im Netz verfügbaren Computer(fn). Ich erinnere mich noch gut an den ersten Webbrowser, dem MOSAIC, der schnell von Netscape abgelöst wurde.

In seiner ursprünglichen Form war das WWW eine Verknüpfung von Fachartikeln, also eine Art Hyper-Hyper-Card, was sich dann mit der zunehmenden Kommerzialisierung(fn) des WWW leider sehr schnell änderte. Vielleicht blies Boris Becker mit seinem Slogan “Ich bin drin” dem wissenschaftlichen Netzwerk endgültig das Leben aus.

In den Anfängen des World Wide Web beschäftigte ich mich erstmals mit agilen Methoden in Form des Extreme Programming. Dabei stieß ich auf eine geniale Idee von Ward Cunningham(fn), dem WikiWiki(fn). Ward entwickelte zur Dokumentation von vernetzten Ideen, das C2 Portland Pattern Repository, also das Ur-Wiki.

Plötzlich waren Wikis überall. Das größte Wiki von allen, die Wikipedia, beendete das Geschäftsmodell der Enzyklopädien. Natürlich ist ein gut gepflegtes Wiki auch heute noch eine wunderbare Basis für ein Wissensmanagement, aber zu einem zweiten Gehirn fehlt noch etwas: Eine klare Struktur der Vernetzung, die eben keine Hierarchie ist. Ein zweites Gehirn ist eine sinnvoll vernetzte und systematische Wissensdatenbank. Dieses zweite Gehirn hat unter anderem Niklas Luhmann für sich und seine Arbeit erfunden, und ich stolpere ziemlich spät, nämlich jetzt im Spätherbst des Jahres 2020 darüber.

Das zweite Gehirn von Niklas Luhmann: Der Zettelkasten

Niklas Luhmann ist einer der bekanntesten Soziologen. Sein großes Lebenswerk ist eine geschlossene Theorie über Kommunikation und Gesellschaft. Seine Systemtheorie(fn) bildet die Grundlage zum Verständnis von Kommunikation und Organisationen und zeigt, dass Organisationen selbsterschaffende und erhaltende Systeme sind.

Luhmann war nicht nur fleißig, sondern extrem produktiv, mit ca. 600 Veröffentlichungen und 40 Monografien(fn)

Wie machte Niklas Luhmann das? Luhmann ordnete seine Quellen, Gedanken und in einem analogen Hypernetzwerk: dem Zettelkasten. Jede Quelle, jede Idee, jeder Gedanke wurde von Luhmann auf einen Zettel geschrieben.

Luhmann sagte einmal, sein Zettelkasten wäre sein zweites Gehirn. Und mit dieser Aussage hat Luhmann recht, denn abstrakt gesehen ist der Zettelkasten von Luhmann eine Art neuronales Netz mit vielen und dichten Verbindungen und Rezeptoren.

Wie funktioniert das zweite Gehirn von Luhmann

Aber wie funktioniert der Zettelkasten von Luhmann? Es gibt drei Elemente der Ordnung:

  • die Quellen,
  • die Ideen und
  • die Schlagwortliste.

Das übergeordnete Prinzip: Alles, aber auch wirklich alles, wird auf Zetteln geschrieben und in den Zettelkasten einsortiert. Der Zettelkasten ist so aufgebaut, dass er endlos wachsen kann. Ein Ort für alle Informationen!

Element 1: Die Quellen

Wie jeder Geisteswissenschaftler war Luhmann ein fleißiger Leser. Während des Lesens notierte er kontinuierlich interessante Aussage oder Informationen und legte diese in seinem Zettelkasten ab.

Aber eines ist wichtig: Luhmann zitierte nicht einfach den Text aus dem Buch. Er überlegte sich, wie er die Information so umformulieren kann, dass diese ohne den Kontext des Buches verständlich blieb. Diese umformulierte Zusammenfassung schrieb Luhmann mit Quellenangabe zum Buch auf den Zettel. Der Zettel bekam eine eindeutige Nummer und Schlagwörter mit Suchbegriffen.

Element 2: Die Schlagwortliste

In der Schlagwortliste schrieb Luhmann hinter jedem Schlagwort die Nummern der Zettel. Dadurch konnte Luhmann sehr einfach von einem Schlagwort auf die damit verbundenen Zettel schließen.

Falls Luhmann beim Schreiben der Quelle schon Querverweise zu weiteren Zetteln entdeckte, hielt er diese auch auf dem Zettel fest.

Element 3: Ideen und Gedankenblitze

Oft hatte Luhmann bei der Lektüre Ideen, Gedankenblitze oder Inspirationen. All diese Ideen notierte Luhmann grundsätzlich auf eigenen Zetteln. Auch diese Zettel hat Luhmann wie oben mit Schlagwörtern und Verweisen zu den Quellen versehen. Die Trennung von Idee und Quelle ist ein ganz wichtiges Element des Zettelkastens.

Der Zettelkasten als analoges Hypernetzwerk

Was Luhmann geschaffen hat, war ein analoges Netzwerk mit einer klaren Verweisstruktur. Ich mag mir nicht vorstellen, wie produktiv Luhmann gewesen wäre, wenn er einen digitalen Zettelkasten gehabt hätte. Es mag aber auch sein, das gerade in der analogen Arbeit der wichtige Vorgang der Verstetigung stattfand. Das Schreiben mit Stift und Papier schärft das Denken und vertieft die Erinnerung. Die haptische Arbeit mit den Zetteln führt vielleicht auch zu einer größeren Bedeutung der Notiz.

Vielleicht siehst du wie ich eine Analogie zu einer anderen analogen Form der Notizen, dem[ Bullet-Journal]. Das analoge Bullet-Journal hat viele Ähnlichkeiten mit dem Zettelkastensystem von Luhmann, nur mit dem einen wesentlichen Unterschied: Ein Bullet-Journal wird jährlich neu geschrieben und der Zettelkasten, der wuchs über das ganze Leben von Luhmann beständig an.

Bau dir dein eigenes zweites Gehirn

Mein Tipp: Bau dir dein eigenes Wissensmanagement. Überlege dir, was kann dein eigener und einziger Ort sein, in dem du dein zweites Gehirn aufbaust. Zum Schluss gebe ich dir ein paar Tipps und Tools mit auf den Weg:

  • Für die Ablage meines Wissens nutze ich seit einem Jahr das Produkt NotionHQ. Ich kenne sehr viele Produkte wirklich gut, Confluence, SharePoint, Wiki, EverNote, OneNote aber NotionHQ schlägt alle, weil die Mischung von Wiki, Datenbank und Trello einfach fantastisch ist.
  • Tiago Forte (fn)leistet aus meiner Sicht fantastische Arbeit für die Frage, wie du heute in der digitalen Welt ein zweites Gehirn aufbaust. Sein P.A.R.A System nutze ich mit zunehmendem Erfolg.
  • Working Out Loud: Für mich wird es auch wieder Zeit, mich nach einem neuen Zirkel umzusehen. Wenn du lernen möchtest, probiere diese Methode und das Tool von Leonid Lezner, dem WOL CircleFinder(fn).

Lesen ist silber, Schreiben ist gold

Eine der größten, vielleicht die größte kulturelle Errungenschaft der Menschheit, ist die Schrift. Schreiben schärft das Denken, Schreiben ermöglicht Wissen, Schreiben ist Wissen. Daher ist es vielleicht wirklich so, wie beim Reden. Lesen ist Silber, Schreiben ist Gold. Oder wie Niklas Luhmann es besser ausdrückte:

“Durch Schrift wird Kommunikation aufbewahrbar, unabhängig von dem lebenden Gedächtnis von Interaktionsteilnehmern.” Soziale Systeme, 1984, S.127

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