Wie digital sind ihre Mitarbeiter?


Digitalisierung aus Sicht der Belegschaft

Die meisten Studien zur Digitalisierung basieren auf der Befragung von Führungskräften. So beklagen viele Top-Manager in einer McKinsey Studie zur Digitalisierung, dass ihren Mitarbeitern die notwendige Kompetenzen zur Digitalisierung fehlen:

„Jeder dritte Top-Manager fürchtet, dass fehlende (digitale) Fähigkeiten in der Belegschaft direkte negative Auswirkungen auf die Geschäftsbilanz haben können“, erläutert die Studien-Autorin Wiesinger die Ergebnisse einer Befragung von 3.000 Vorständen in sieben Ländern.”

Stimmt diese Einschätzung der Top-Manager oder hat die Belegschaft möglicherweise eine andere Sicht? Daher habe ich mich sehr gefreut, dass Victoria Grzymek und Ole Wintermann von der Bertelsmann Stiftung eine Studie zur Digitalisierung aus der Sicht der Erwerbstätigen vorgestellt haben. Ihre Studie basiert auf 2088 Erwerbstätigen verschiedenster Alters- und Berufsgruppen.

Ich möchte in diesem Gedankenblitz drei Aspekte der Studie herausgreifen, die ich beim Lesen interessant fand:

  • Echte Innovation in der Digitalisierung erfordert Beteiligung der Mitarbeiter
  • Wirksame Digitalisierung erfordert flexible Arbeitsformen
  • Die Hälfte der Erwerbsarbeit findet mit oder am Menschen statt

Aspekt 1: Echte Innovation in der Digitalisierung erfordert Beteiligung der Mitarbeiter

Wie entstehen Innovationen zur Digitalisierung im eigenen Unternehmen? Hier zeigt die Studie einen interessanten Effekt. Die meisten Innovationen zur Digitalisierung entstehen durch Ideen der Belegschaft. Wenn Ideen von Mitarbeitern eingebracht und umgesetzt werden können, dann profitiert das Unternehmen. Das zeigt auch der Zusammenhang, dass 61% dieser Unternehmen von der Belegschaft als digital wahrgenommen werden. Die Möglichkeit zur Mitwirkung sinkt aber, je größer das Unternehmen wird.

Umsetzung von Innovationen, Bertelsmann Stiftung

Für mich sind diese Ergebnisse ein Weckruf. Der Schlüssel zur erfolgreichen Digitalisierung liegt in der konsequente Beteiligung der Mitarbeiter.

Aspekt 2: Wirksame Digitalisierung erfordert flexible Arbeitsformen

Wie ist eigentlich die Einstellung der Erwerbstätigen zur Digitalisierung? Oder anders gefragt: Wünschen Sie sich in ihrem Unternehmen ein noch digitaleres Arbeitsumfeld? Das ist eine spannende Frage und die Antworten waren nicht so eindeutig, wie ich eigentlich angenommen hätte:

Der Wunsch nach einem digitalerem Arbeitsumfeld ist differenziert. Bertelsmann Stiftung

Dabei zeigt sich, dass die Abneigung gegen eine zunehmend digitalere Arbeit erst ab einem Alter ab 60 Jahren überwiegt. Dann aber deutlich. In den anderen Altersklassen gibt es eine positivere Bereitschaft zu noch mehr Digitalisierung. Eine breite Zustimmung oder gar Begeisterung für das Thema lese ich aber nicht heraus.

Woher kommt diese ambivalente Sicht? Ich glaube, es gibt viele Gründe. Zum einen sind viele digitale Prozesse im realen Arbeitsalltag nicht besonders angenehm. Es gibt Medienbrüche, schlechte Nutzeroberflächen. Aber ich glaube, der wichtigste Grund ist woanders zu suchen und da schließe ich mich der Einschätzung der Autoren an:

Ein genauerer Blick zeigt nämlich, dass ganze 42 Prozent der Befragten angeben, in ihrem Unternehmen werde nicht räumlich und zeitlich flexibel gearbeitet. Wenn es in so vielen Unternehmen keine flexiblen Arbeitsmöglichkeiten gibt, dann ist es wenig verwunderlich, dass rund 30 Prozent der Erwerbstätigen gar nicht erst eine Erleichterung der Vereinbarkeit durch Digitalisierung sehen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass in der Remote-Arbeit große Potentiale liegen. Ich weiß, dass viele Unternehmen und auch Erwerbstätige die Arbeit im Büro vor Ort bevorzugen, aber es geht auch anders. Die Potentiale für Tele- oder Fernarbeit sind immens: Sie reichen von der Anwerbung qualifizierter Kräfte außerhalb der Region bis hin zu flexibleren Arbeit in der Erziehung. Natürlich ist mir klar, dass nicht für alle Berufe eine sinnvolle Arbeit im Homeoffice möglich ist, aber 42 Prozent von Erwerbstätigen mit einem mehr oder weniger starken Home-Office-Verbot sind schon eine Nummer.

Kurz gesagt, Digitalisierung spielt in der Arbeit erst dann seine Stärken aus, wenn flexiblere Arbeitsformen möglich werden. So einfach ist das!

Aspekt 3: Die meisten Menschen arbeiten mit Menschen

Ein weiterer gelungener Aspekt in der Studie ist der Verzicht auf die Berufsklassifizierung der Bundesagentur. Viele Berufe sind zu komplex, als dass sich diese in einer einfachen Hierarchie abbilden lassen. Ist ein Projektmanager in der IT jetzt ein IT-Spezialist oder ein Projektmanager? Oder ist er nicht sogar eher ein Teamarbeiter mit guten pädagogischen Kenntnissen?

Im Kontext der Digitalisierung ist ein anderer Blick auf Berufe notwendig und so gruppieren die Autoren der Studie die Erwerbstätigen in vier ganz einfache Klassen ein:

Arbeit …

  • mit Menschen (48%)
  • in Bürotätigkeit (21%)
  • mit technischen Hilfsmitteln (20%)
  • mit intelligenten Geräten (10%)

Das für mich sehr überraschende Ergebnis war, dass fast 48% der befragten Erwerbstätigen angaben, dass sie mit Menschen arbeiten.

Arbeit mit Menschen

Natürlich ist die Arbeit mit Menschen eine weit gefasste Gruppierung. Sie beginnt bei der Projekt- und Teamarbeit und reicht weit in die sozialen Berufe bis hin zur Pflege.

Was bringt die Digitalisierung in der Arbeit mit Menschen?

Eine entscheidende Frage lautet eher, welcher Vorteil die Digitalisierung in der Arbeit mit Menschen hat? Stößt die Digitalisierung nicht hier an ihre Grenzen oder wird gar zu einem Ballast?

Gerade in sozialpädagogischen Berufen oder in der Pflege wird die Arbeit mit Computern oft negativ gesehen. Dennoch sehe ich große Potentiale für die Digitalisierung. Beispielsweise besteht die Arbeitszeit in der Pflege zu 40% aus Dokumentationsarbeiten 40%. Eine konsequente Digitalisierung wird diesen Wert deutlich absenken.

Zusammenfassung

Aus meinem Gedankenblitz ist eher ein Gedankendonnerwetter geworden. Falls du bis hierhin gelesen hast, empfehle ich dir auf jeden Fall den Blog von Victoria Grzymek zu Ihrer Studie zu lesen.

Und so schließe ich diesen Gedankenblitz mit einem Zitat der Autoren der Studie:

Unsere Ergebnisse zeigen erfreulicherweise nämlich auch, dass die Offenheit gegenüber digitalen Technologien im Kollegenkreis über alle Altersgruppen hinweg ähnlich hoch eingeschätzt wird – ein Ergebnis, das Anlass zur Zuversicht gibt

Dieser Zuversicht schließe ich mich gerne an und sage ganz herzlichen Dank fürs Lesen!


Titelbild flickr, Martin Melcher, Poerzbrauerei-Rudolstadt-16, Creative Commons Namensnennung- Nicht.kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0)

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